In meinem Blogbeitrag „Wie werden Kinder in Medien wahrgenommen?“ habe ich über eine Studie der Volksanwaltschaft geschrieben. Ich habe die Studienleiterin Maria Pernegger von mediaaffairs befragt, warum Kinder in Medien als Opfer oder Täter gesehen werden, wieso sich auch bei ihnen ein Gender-Gap zeigt u. a.

Ein Riesen-Dankeschön an Maria Pernegger für ihre ausführlichen Antworten aus dem E-Mail-Interview!

 

Warum kommen Kinder in Medien so selten zu Wort?

 

Maria Pernegger: Das hat mehrere Gründe:

1. Rechtliche Grauzonen

Kinder in die Berichterstattung aufzunehmen oder sie abzubilden, kann mitunter riskant sein. Das ist eine Meinung, die unter JournalistInnen verbreitet ist, das stimmt aber nur zum Teil, natürlich sind aber gewisse Regeln zu beachten.

Der Schutz und die Wahrung der Identität der Kinder stehen im Fokus, das betont etwa der Ehrenkodex des Österreichischen Presserats. Hier gibt es rechtliche Grauzonen, das verunsichert. Da ist es für JournalistInnen oft bequemer und man findet sich jedenfalls auf der sicheren Seite, wenn ExpertInnen, PolitikerInnen und VertreterInnen von NGOs für einen Beitrag ÜBER Kinder gewonnen werden können.

 

Kinder einfach aus den Medien auszusperren ist allerdings nicht der richtige Weg – hier macht man es sich zu einfach.

Maria Pernegger

Aus Sicht der Kinderrechte ist es notwendig und vor allem auch deren Recht, dass Kinder mitbestimmen, dass sie ihre Meinung äußern können und auch öffentlich sichtbar sind. Die ExpertInnen in eigener Sache – die Kinder – außen vor zu lassen, widerspricht zudem dem Artikel 4 der Bundesverfassung.

 

2. Keine Tradition

Dass Kinder öffentlich ihre Meinung äußern können und dafür eine öffentliche Bühne bekommen, hat schlicht keine Tradition. Zwar gilt seit mittlerweile über 25 Jahren die Kinderrechtskonvention, aber manches ändert sich nur langsam.

Kinder galten und gelten für viele nach wie vor als unmündig, unwissend, unwichtig. Expertise, Mitsprache und Meinung wird nach wie vor eher Erwachsenen zugetraut und zuerkannt.

So orientiert man sich in Medien – auch wenn es um Themen, wie die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen geht – fast ausschließlich an Erwachsenen.

 

3. Unattraktive Zielgruppe

Kinder und Jugendliche nutzen andere Medien, sie sind weder für klassische Medien eine große Zielgruppe, noch sind sie es für die Politik – hier sind von unter 20-Jährigen nur ein paar Prozent der Stimmen zu holen.

Beides starke Argumente, weshalb die Meinung von Kindern und Jugendlichen zu Lebensalltag, Gesellschaft, Politik, Zukunftsfragen, Bildung, etc. öffentlich kaum wahrgenommen wird.

 

Welche Printmedien widersprechen in ihren Berichten den Kinderrechten am stärksten?

 

Maria Pernegger: Österreich, Heute und Kronenzeitung fallen hier besonders negativ auf. Andersrum und positiv formuliert nehmen Die Presse, Der Standard und der Kurier am meisten Bedacht darauf.

Standard und Presse berichten viel eher im Sinne der Kinderrechte als der reichweitenstarke Boulevard. Sie machen auf Missstände und fehlende Rahmenbedingungen für Chancengleichheit unter Kindern in der Gesellschaft aufmerksam, gestalten Beiträge weniger polemisch und zwängen Kinder viel seltener in Rollenklischees.

Anders der Boulevard, bei dem der größte Teil der Berichterstattung nur zwei Themen umreißt (Charity und Jugendkriminalität) und in diesem Kontext negative Rollenklischees verstärkt werden. Hier werden sozial benachteiligte Kinder in arme Opfer und brutale Täter, bzw. „Problemkinder“ geteilt – das ist problematisch.

 

Anders der reichweitenstarke Boulevard, der negative Rollenklischees verstärkt.

Maria Pernegger

Gender-Gap schon bei Kindern

 

Was mich verblüfft hat, war auch diese Geschlechter-Differenz in der Darstellung:

65% der Berichte drehten sich um Buben, nur 35% um Mädchen. War das für Sie auch eine Überraschung? Warum?

Maria Pernegger: Der hohe Anteil der Buben hängt zum einen mit der Relevanz des Themas Jugendkriminalität zusammen – hier gibt es wesentlich mehr männliche Straftäter, als weibliche. Das hat aber nur einen kleinen Effekt.

Die restliche Differenz ist logisch schwer erklärbar, es ist ein Gender-Gap, der sich bei den Kindern fortsetzt. Für mich ist das Ergebnis zwar tragisch, aber leider nicht überraschend. In meiner Arbeit beschäftige ich mich seit Jahren mit dem Frauenbild und der Präsenz von Frauen in Politik und Medien.

 

Frauen (und Mädchen) sind in allen Medien stark unterrepräsentiert, da tanzen auch die sogenannten Qualitätsmedien nicht aus der Reihe.

Maria Pernegger

 

Es zeigt sich ein markanter Unterschied bei den Geschlechterverhältnissen – etwa zwei Drittel der (Print)Medien sind mit Männern „befüllt“, nur ein Drittel mit Frauen.

Es gibt nur wenige Bereiche, in denen Frauen in Medien präsenter sind als Männer. Die Kategorien haben fast allesamt mit Schönheit, Körper, Elternschaft und Gesundheit zu tun.

Die meisten als medial relevant erachteten Bereiche – von Politik, über Sport und Wirtschaft – sind weit über den tatsächlichen Männeranteil in diesen Branchen von Männern besetzt.

 

Wie können Public Relations helfen, ein anderes Bild zu transportieren? Wie können sie Medien sensibilisieren?

Maria Pernegger: Sich auf die Kinderrechte zu berufen, ist in der Kommunikation mitunter öde und langweilig und nichts, womit man öffentliche Aufmerksamkeit gewinnen kann. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass Vielfalt – in jeder Art und Weise – attraktiv, dynamisch und vor allem notwendig ist, damit sich eine Gesellschaft weiterentwickelt und kreativere und wirtschaftlich erfolgreichere Lösungen möglich sind.

Die Potentiale junger Menschen müssen öffentlich sichtbar gemacht werden. In der Politik, am Arbeitsmarkt, in vielen Bereichen der Gesellschaft zeigt sich, dass sich vor allem sozial benachteiligte Jugendliche häufig nicht genug abgebildet, repräsentiert und wahrgenommen fühlen. Das ist ein Fehler!

Die PR kann genau an diesen Punkten ansetzen: Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft, sie haben mitunter andere Vorstellungen und Prioritäten, aber sie haben Potentiale! In vielen Bereichen sind uns Kinder und Jugendliche weit voraus, ich denke hier an die Nutzung digitaler Medien, aber auch an die Sichtweise von Kindern und Jugendlichen, die bei großen Themen wie Gesellschaft, Umwelt oder Politik oft weniger „verkopft“ ist.

 

Gibt es vergleichbare Studien aus dem Ausland?

Maria Pernegger: Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit demografischen Entwicklungen (Kinderarmut, Haushaltseinkommen von Familien, Bildungsgrad,…) beschäftigen – aber auch Themen, wie die Mediennutzung von Kindern sind gut erforscht.

Vergleichbare Studien, die sich mit der Präsenz und Sichtbarkeit von Kindern – vor allem von sozial benachteiligten Kindern – in Massenmedien beschäftigen, die kenne ich nicht. Unsere Studie, die wir für die Österreichische Volksanwaltschaft durchgeführt haben, wird voraussichtlich noch Ende des Jahres öffentlich gemacht.

 

Info:

Auftraggeber der Studie war die Volksanwaltschaft. Präsentiert wurde die Studie im September 2017. Veröffentlicht wird sie voraussichtlich Ende des Jahres.

(c) Pixabay Anitas Fotos/Canva
(c) Portraitfoto Maria Pernegger by Pamela Rußmann

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